Ratlos im Weltall: Die Invasion der Robomutanten
Ralf Julke
29.07.2010

Die Nachricht vorweg: Adam ist tot. Der Junge, der in Band 1 von "Der Rat der Planeten" unverhofft zum Kaiser des Sternenreiches Altoria wurde, hat den zweiten Band nicht überlebt. Aber es waren nicht die fiesen Robomutanten, die ihn umgebracht haben, sondern die Ikonier.

Das passiert in Weltraum-Sagas. Es sind ja keine Kabinettstücke, sondern eher Epen. Die Autoren, die den SF-Markt mit ihren Sagas um Sternenreiche und Sternenkriege und Sternenkaiser beglücken, bedienen ein sehr spezielles Leserinteresse: den Hunger nach mehr. Nach immer mehr vom Gleichen.

Wer hochkarätige Literatur im Science-Fiction-Regal sucht, braucht eine Lupe oder eine unendliche Geduld. Darüber hat Stanislaw Lem schon 1970 seine zweibändige Generalkritik geschrieben: "Phantastik und Futurologie". Geändert hat sich seitdem nichts. Wer Wert darauf legt, phantastische Geschichten für ein wirklich kritisches Publikum zu schreiben, muss versuchen, das Werk unter einem anderen Etikett zu veröffentlichen. Sonst droht der Untergang im "Getto Science Fiction", das mit "Science" eigentlich nichts mehr zu tun hat. Das ganze technische Brimborium, all die superschnellen Sternenkreuzer, Laserwaffen und sonstigen Wünsch-dir-was-Apparaturen kaschieren nur die enttäuschende Tatsache, dass 99 Prozent der verkauften SF schlicht verkleidete Mantel-und-Degen-Geschichten sind, in denen oft altertümlichste Moralvorstellungen als Handlungsmuster einer imaginären Zukunft verkauft werden.

Tino Hemmann hat sich nach eigener Aussage Frank Herberts SF-Serie "Dune - Der Wüstenplanet" als Vorbild genommen für seine Parodie. Wahrscheinlich haben ihn die bombastischen "Dune"-Verfilmungen von 2000 und 2004 animiert, in denen dann auch recht deutlich zu sehen ist, mit welchem esoterischen Kitsch diese Serien arbeiten. Vom Glauben an wundersame, auserwählte Geschöpfe ganz zu schweigen.

Und dabei ist die seit den 1970er Jahren erfolgreiche Romanserie um den "Wüstenplaneten" noch eine der besten. Es geht noch schlimmer. Und das Schlimmste ist in der Regel das platte Schema vom bösen Helden, der in sich alle Genialität und eine unbesiegbare Gewalt über Legionen von dienstbaren Idioten hat.

Hemmann lässt auch anklingen, dass er seine Serie um den "Rat der Planeten" nicht nur als Parodie auf Starswars & Co. versteht, sondern auch als Kritik an den irdischen Zuständen der Gegenwart. Denn auch hier werden medial Geschichten von Guten und Bösen erzählt, stilisieren sich einsame Präsidenten mitsamt ihren Beraterstäben zu Kriegern in einem Kampf gegen das Böse, schicken immer neue, immer besser ausgerüstete Heere aus, um das Böse zu besiegen - und verwandeln Länder und Kulturen dabei in Landschaften der Zerstörung.

Wer die ganzen Starwars-Serien aus Kino und Buchladen bisher verschlungen hat ohne Verdauungsbeschwerden, wird sich mit diesem Band wohlfühlen und gar nicht merken, dass der Autor ihn eigentlich auf die Schippe nimmt. Eine Kampfszene folgt auf die nächste, Verräter tauchen unverhofft mitten unter den Verbündeten auf, Hauptakteure werden schnell mal als Sklaven aus ihrem Raumschiff entführt, Hunderttausende von Robomutanten überschwemmen das All, alle gesteuert von Finsterling Admiral Alyta, der keine Skrupel kennt, seine engsten Anverwandten zu missbrauchen und zu töten.

Man fühlt sich noch an eine andere Geschichte erinnert, die Tino Hemmann ganz gewiss ganz unten in seinem Buchregal stehen hat: Alexander Wolkows "Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten". Alytas Robomutanten sind diesen Holzköpfen erstaunlich ähnlich. Und auch dem Urfin-Buch folgten ja bekanntlich weitere Titel, in denen finstere Gestalten das gute Zauberland und seine friedlichen Bewohner mit übelsten Waffen angreifen - ein Titel kriegerischer als der andere.

Oder sollte man besser sagen: einer dämlicher als der andere? Und das auch noch als offizielle Kinderliteratur? - Das Zeug gehört im Grunde auf den Index. Sex kommt natürlich nicht drin vor. Aber die verquaste Kriegerei zwischen Gut und Böse ist tatsächlich finster. Am Ende gewinnen immer die "Guten". Es ist wie ein Manöverspiel im Sandkasten. Die "Bösen" entpuppen sich immer als grunzdämlich, haben die allerschrecklichsten Waffen, unterliegen aber am Ende, weil sie dem Edelmut eines kleinen Häufleins von Welterrettern nichts entgegen zu setzen haben.

Auch Alyta unterliegt in diesem Buch, nachdem gleich an einem halben Dutzend Orten im Weltall parallel gekämpft, geschossen, getötet wurde. Die Robomutanten sind zu blöd zum Zielen und werden von den beiden Kindern, die in diesem Buch nun die Hauptrolle spielen, zu Dutzenden niedergemäht. Malte und Anna heißen die Zwillinge, die Adam bei einem 14-jährigen Exil auf der echten Erde mit seiner Fast-gar-nicht-Schwester Gladiola gezeugt hat. Sie überleben das allgemeine Gemetzel und schalten die Produktionszentrale der Robomutanten so locker aus, wie man das aus den diversen Filmen aus Hollywood von den üblichen "action stars" kennt.

Scheinbar kommt alles in Ordnung, als Menschen, Feesen und Ikonier rebellieren und die Roboter-Heere von Admiral Alyta besiegen. Aber das wäre ja dummerweise das Ende der Trilogie schon im zweiten Band. Also gibt's gleich noch den nötigen Verräter, der den dümmsten aller Helden - den nun erwachsenen Adam - ins Jenseits befördern und den Keim für neue Intrigen legen kann. Denn davon leben natürlich all diese Sternen-Sagas: Dass immer irgendwo ein neuer Bösewicht anfängt, für Unheil zu sorgen.

Und das erinnert dann doch wieder an die letzten zehn Jahre Weltpolitik und die seltsamen Spiele einiger seltsamer Politiker in Sachen Gut und Böse, die einfach immer weiter gehen, auch wenn die immerlächelnden Akteure längst im Ruhestand sind und daheim ihre Brezeln futtern. Denn natürlich beschreiben all die unendlichen Weltraum-Sagas auch ein Stück irdischer Realität - etwa die Unfähigkeit von verantwortlichen Entscheidern, Konflikte anders zu lösen, als immer nur mit Gewalt und noch mehr Gewalt in der großen Täuschung, man könne Konflikte nur mit Gewalt lösen, als wäre massive Gewalt überhaupt die einzige Lösung.

Im SF-Roman führt das zu hunderten Seiten wildester und sinnlosester Kampfszenen, zu vernichteten Planeten, vernichteten Zivilisationen und jeder Menge sinfonischer Dudelmusik. Doch in der irdischen Politik hat das dann ein paar kleine aber nervige Haken: Der große Superböse geht verloren, friedliche Völker verwandeln sich in hinterhältige Terroristen, milliardenteure Kriegsausrüstung wird zerstört und die Armeen in Nah- und Mittelost verwandeln sich in hungrige Kriegsmaschinen, die den Staatshaushalt der reichsten Nationen überfordern.

Bilanz nach diesem Buch: Die Hälfte der Helden aus Buch Nummer 1 sind tot - darunter wieder einmal mehrere bildhübsche junge Frauen. Der Hauptbösewicht ist auch tot. Aber ein neuer Bösewicht ist da, der bereit ist, Angst und Schrecken zu verbreiten. Ob Malte und Anna den nächsten Band überleben? - Keine Ahnung. Eigentlich war das Ganze ja als Trilogie geplant, da müssten sie in "Die Rache der Zwillinge" alles in Griff bekommen. Da aber der vierte Band auch schon vorliegt, ist davon auszugehen, dass auch im nächsten Band geballert wird, was die Steckdose hergibt.

Tino Hemmann "Der Rat der Platen. 2. Buch. Invasion de Robomutanten", Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 12 Euro.